Die Sache mit dem blinden Fleck
Author: Susanne Klier
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DIE SACHE MIT DEM BLINDEN FLECK
Praktische Tipps, wie Sie sich mit Ihren Mitgesellschaftern selbst reflektieren.

Aus meinem letzten Vortrag an der WIFU ging hervor, dass eines unserer größten Herausforderungen als Gesellschafter ist, sich selbst kritisch zu hinterfragen (siehe auch Blogbeitrag vom 29.10.2020). Denn meist agieren wir aus voller Überzeugung und suchen bei Streitereien oder sogar Konflikten die Schuld beim anderen.

Dass wir einen gehörigen Teil zu der Entstehung des Konflikts beitragen schließen wir vorerst kategorisch aus. Bestätigt unser unternehmerischer Erfolg doch unser tägliches Handeln. Nur leider klaffen Selbst- und Fremdbild manchmal gewaltig auseinander. Das macht die Kommunikation schwierig. Diese funktioniert nämlich am besten, wenn sich Selbst- und Fremdbild entsprechen.

Seien Sie mal ehrlich:

Wann haben Sie das letzte Mal ehrliches Feedback erhalten, dass Sie so richtig wachgerüttelt hat?

Na? Schon etwas länger her?

Sie sind damit nicht allein! Die Befragung von den rund 30 teilnehmenden Unternehmern bei meinem Vortrag an der WIFU hat gezeigt, dass sie die Hindernisse, die sie an einem regelmäßigen Selbst-Review abhalten nicht benennen können.

Anlass genug, um Ihnen in diesem Beitrag ganz praktische Hinweise und Techniken mit auf den Weg zu geben, wie Sie und Ihr Gesellschafter-Kreis die Suche nach den blinden Flecken anpacken können:

• Ganz praktische Tipps, wie Sie Ihr Anliegen ins Rollen bringen
• Methoden, die Ihnen beim Erkennen von blinden Flecken helfen
• Mein persönlicher Fragenkatalog für Sie zur Anwendung
• Wie sie Ihre Selbstreflektion systematisch verankern

GANZ PRAKTISCHE TIPPS, WIE SIE IHR ANLIEGEN ANPACKEN KÖNNEN

Tipp #1: Entkoppeln Sie das Thema vom Alltag

Die Selbstreflektion ist ein Prozess, bei dem es um die Reise ins Innere geht. Das Offensichtliche wird uns durch unser tägliches Handeln gespiegelt, aber unsere blinden Flecke verbergen sich unter der Oberfläche – für uns nicht sichtbar. Diese an die Oberfläche zu bringen braucht Willen, Neugier, Konzentration und Zeit. Und diese sollten Sie sich nehmen. Gönnen Sie sich ein Off-Site-Meeting, in dem Sie weitere Themen außerhalb des Tagesgeschäftes bearbeiten oder widmen Sie dem nächsten Gesellschaftertreffen einzig und allein diesem Thema.

Tipp #2: Finden Sie Verbündete

Falls Sie Zweifel haben, mit Ihrer Idee anzukommen, suchen Sie sich einen Vertrauten, den Sie bei einem Glas Wein von Ihrem Vorhaben erzählen. Zusammen rennt man einfacher gegen eine Wand und bringt Sie durch gebündelte Kräfte eher zum Bröckeln .

Tipp #3: Nutzen Sie Ihr Netzwerk

Vielleicht haben Sie gute Kontakte in Ihrem Netzwerk, die Ihnen bei einem ersten Schritt behilflich sein können. Meine Erfahrung zeigt, dass der externe Messias (leider) mehr Glaubwürdigkeit hat als der interne. Darum: Suchen Sie sich jemanden, der mit Ihren Mitgesellschaftern seinen Anpack teilt und aufzeigt, was sich daraus alles verändert hat.

METHODEN, DIE IHNEN BEIM ERKENNEN VON BLINDEN FLECKEN HELFEN

Das Problem an Büchern, Blogartikeln u.ä. sind m.E. immer, dass sie so wenig anwendbar sind. Zwar erhalte ich einen theoretischen Überblick, was ich machen könnte, aber wie ich das konkret umsetze habe ich noch lange nicht verstanden. Meist bleibe ich zurück mit folgenden Fragen:

• Welche Fragen muss ich stellen?
• Welche Methodik muss ich anwenden?
• Was muss vorbereitet werden?

Ich möchte Ihnen gern drei bewährten Methoden vorstellen, mit denen Sie den Prozess starten können.

Methode #1: Das Johari-Fenster

Die amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingram haben eine bildliche Darstellung entwickelt, wie man Selbst- und Fremdwahrnehmung abgleichen kann: Das Johari Fenster. Es wird gern eingesetzt, wo Teams eng zusammenarbeiten und die Kommunikation schon mal schwerfällt. Denn Schuld daran ist selten die Unfähigkeit der handelnden Personen, sondern die Divergenz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung.

 

 

Die 4 Felder des Johari-Fensters

Das Johari-Fenster basiert auf 4 Feldern: Im ‚Öffentlichen Bereich‘ stehen Charaktereigenschaften, die der Gruppe und mir bekannt sind. Selbst- und Fremdbild stimmen hier also überein. Das Gegenteil davon ist der ‚Blinde Fleck‘, in dem eine Person unbewusst Eigenschaften ausstrahlt. Er ist sich diesem nicht bewusst. Beim ‚geheimen Bereich‘ hält die Person bewusst Persönlichkeitsmerkmale zurück, so dass kein anderer sie kennenlernen kann. Bleibt der ‚unbekannte Fleck‘, also die Eigenschaften, die weder den anderen noch mir bekannt sind. Es handelt sich um die sogenannten Potenziale, die gefördert werden können.

So funktioniert es:

Bereiten Sie eine Liste von Persönlichkeitsmerkmalen oder Kompetenzen als Adjektiv vor, die Sie für wichtig in Ihrem Gesellschafterkreis halten. Machen sie eine Auflistung von ca. 50 Adjektiven, damit eine größere Auswahl vorhanden ist.
Geben Sie diese Liste an die jeweiligen Personen, mit denen Sie über sich reflektieren möchten. Jeder sucht 6 Adjektive aus, die ihn selbst am besten beschreiben. Danach drehen Sie den Spieß um und beschreiben mit 6 Adjektive Ihr gegenüber.

Reflektieren Sie mit Ihrem Partner die Auswahl.
Besonders heikel kann es werden, wenn blinde Flecken auf den Tisch kommen. Lassen Sie die Meinung des anderen aber unbedingt zu. Sie wollen ja genau diese blinden Flecke gespiegelt bekommen.
Und vielleicht noch ein anderer Tipp: Behalten Sie nicht alle ‚Geheimnisse‘ für sich. Lassen Sie Ihren engsten Kreis daran partizipieren. Es fördert die Akzeptanz füreinander.

Methode #2: Arbeit mit Bildkarten

Viele Menschen sprechen in Metaphern und nutzen diese, um ihre Position, ihre Gefühle oder Bedürfnisse kund zu tun. Die Arbeit mit Bildkarten ist daher eine erprobte visuelle Methode, die es den Menschen erleichtert, sich zu einem Thema zu äußern.

Der Nachteil dieser Methode ist, dass Sie die Bildkarten benötigen. Sie können diese z.B. bei Belz bestellen.

So funktioniert es:

1. Legen Sie die Bildkarten kreisförmig auf den Boden aus.

2. Geben Sie Ihren Gesellschaftern die Anweisung: ‚Wähl ein Bild aus, das am ehesten dazu passt, wie du unsere Fähigkeit als Gesellschafter einschätzt‘. Dabei kann jede Karte nur einmal ausgewählt werden.

3. Jeder Teilnehmer beschreibt in der Gruppe, was er in der Karte sieht. Auf Nachfragen wird an dieser Stelle verzichtet.

4. Finden Sie jetzt gemeinsam aus den Antworten eine sinnvolle Schnittmenge der Wahrnehmungen und schreiben Sie diese auf.

5. Falls Sie noch nicht genügend Impulse erhalten haben, führen Sie eine zweite Runde durch, diesmal mit der Fragestellung: ‚Wähle ein Bild aus, was am Ehesten unsere Schwäche darstellt‘

6. Wiederholden Sie die Schilderung und Aufzeichnung.

Methode #3: Fragen nach Skalen

So wie einige Menschen in Bildern denken und sie darüber ihren Ausdruck finden, ist es für andere Menschen einfacher mit Skalen, Statistiken und Zahlen umzugehen.

Diese Methode wird genutzt, um neues, verändertes oder gewünschtes Verhalten eines Teams kennenzulernen. Es zeigt also mittelbar die blinden Flecken auf.

So funktioniert es:

1. Bereiten Sie Kärtchen vor mit den Zahlen 1, 5 und 10 und legen Sie diese mit genug Abstand im Raum auf den Boden.

2. Sie bitten Ihre Mitgesellschafter sich auf die Zahl zu stellen, die für sie am ehesten zutrifft in Verbindung mit einer Frage zur Selbstreflektion. Dies könnte z.B. sein

i. Wie schätzen Sie auf einer Skala von 1 bis 10 (10 ist hier sehr leidenschaftlich, 1 gar nicht leidenschaftlich) das Engagement der Gruppe für unser gemeinsames Unternehmen ein?‘
ii. Wie schätzen Sie auf einer Skala von 1 bis 10 die strategische Bearbeitung des Gesellschafterkreises von relevanter Zukunftsthemen ein?
iii. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie schätzen Sie die aktive Herausforderung des Kontrollgremiums ein?

3. Einzelne Personen werden sich auf unterschiedlichen Skalenebenen befinden. Diese Selbsteinschätzung bleibt erstmal so stehen und wird nicht weiter hinterfragt.

4. Jetzt stellen Sie eine weitere Frage: ‚Stellen Sie sich vor, dass über Nacht ein Wunder geschehen ist und wir viel höhere Werte auf der Skala haben.‘ (Z.B. rücken alle 2 Skalenwerte nach oben)

i. Was wäre anders?
ii. Welches Verhalten würde wer dann wem zeigen?
iii. Wie sähe das Verhalten aus, wenn ich es filmen würde?
iv. Woran würden andere (z.B. Mitarbeiter) merken, dass sich der Skalenwert erhöht hat?

5. Halten Sie die wesentlichen Punkte auf einem Flipchart fest. Und wenn die Ausgangsskalenwerte sehr niedrig waren, drehen Sie noch eine Runde und erhöhen den Skalenwert nochmals um 2 Punkte.

Der Sinn hinter dieser Methode liegt nicht darin die Ursache unserer (Un-) Zufriedenheit zu explorieren, sondern sich den positiv konnotierten Ressourcen zuzuwenden: Wie können wir als Gruppe sein und welchen Impact hat diese bessere Version von uns auf unser Unternehmen und unser Umfeld?

MEIN PERSÖNLICHER FRAGENKATALOG FÜR SIE ZUR ANWENDUNG

Ein Hindernis, das viele Unternehmer abhält, sich in ihrem Kreis zu reflektieren ist das Fehlen von Handwerkszeug. Was sind überhaupt adäquate Fragen, die mich wirklich weiterbringen und zum Gespräch anregen?

Dazu habe ich für Sie einige Fragen zusammengestellt, die ein guter Start sein können.
Geben Sie sich nicht mit den erstbesten Antworten zufrieden. Explorieren Sie die Antworten weiter!

1. Was in der Zukunft bereitet mir Sorgen?
2. Wenn heute mein letzter Tag auf Erden wäre, wäre ich mit meinen Plänen für heute zufrieden?
3. Wovor habe ich wirklich Angst?
4. Was würde mein heutiges Ich meinem damaligen Ich raten?
5. Was müsste passieren, dass mein Problem (was auch immer das ist) noch schlimmer wird?
6. Was passiert, wenn wir so weiter machen wie bisher?
7. Was müsste passieren, dass uns unser Team so richtig um die Ohren fliegt?
8. Welche Glaubenssätze schränken uns als Team ein?
9. Nehmen wir mal an es geschieht ein Wunder: Ihr geht nach unserer Sitzung nach Hause, beendet den Tag auf Eure Weise und legt Euch schlafen. Über Nacht geschieht ein Wunder und wir könnten all unsere blinden Flecken sehen. Aber, dies geschieht, während Ihr schlaft, so dass Ihr nicht wissen könnt, dass das Wunder geschehen ist. Wenn Ihr also am Morgen aufwacht, wie werdet Ihr entdecken, dass das Wunder geschehen ist?
10. Und, ohne dass Ihr etwas sagt, wie werden andere Menschen merken, dass dieses Wunder für Euch geschehen ist?

George Bernard Shaw hat gesagt:

‚Die besten Reformer, die die Welt je gesehen hat, sind die, die bei sich selbst anfangen.‘

Wenn Sie wirklich zukunftsfähig bleiben wollen und die Transformation weiter nach vorn treiben wollen, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als bei sich selbst zu starten.

Packen Sie es an!

Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg und auch viel Freude. Und wenn Sie Unterstützung benötigen, wissen Sie, wo Sie mich finden!

Ihre
Susanne Klier